Zum Bild: Seit 1911 bringen diese vier Fahrkörbe im Alten Elbtunnel in Hamburg Menschen und Fahrzeuge rund 24 Meter tief unter die Elbe. Wer einsteigt, fragt nicht nach dem Versprechen des Herstellers von 1911, sondern verlässt sich auf die Prüfung. Diese Logik überträgt die EmpCo auf Klimaziele: das gute Gefühl, dass man sich auf etwas verlassen kann. Foto: Wolfgang Weiser / Unsplash
03.11.2026
Ein Versprechen muss man sich immer noch leisten können
Food for Thought

Die Klimakommunikation der vergangenen Jahre hat ein beachtliches Durcheinander hinterlassen: Berichtspflichten mit eigener Logik, Zielstandards mit festen Reduktionsraten, Netto-Null-Versprechen mit Zieljahren weit jenseits jeder Investitionsplanung. Daneben eine Realität, die sich davon entfernt. Im whatif? Report 2026 liegen 26 von 71 untersuchten Unternehmen der DAX-Familie auf Paris-konformem Kurs, zwei weniger als im Vorjahr. 25 haben sich verschlechtert, 19 verbessert. Der MDAX fährt im Median exakt den Kurs, den er auch ohne zusätzliche Anstrengung fahren würde. Man ist geneigt, in diesem Durcheinander aufzugeben.
Was seit dem 27. September gilt
Mit der EmpCo, der EU-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel, kommt nun Ordnung in die Sache. In Deutschland gilt sie seit dem 27. September über das neue Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Wer mit Klimazielen wirbt, braucht seitdem einen detaillierten, realistischen Umsetzungsplan, den ein unabhängiger Sachverständiger regelmäßig überprüft.
Welches Versprechen kann sich ein Unternehmen leisten?
Das bedeutet mehr Aufwand, und genau darin liegt der Wert der Regel. Sie verlangt von jedem Unternehmen eine strategische Entscheidung: Ist Klima für unser Geschäft relevant genug, um damit zu werben? Nach der CSRD berichten nur noch rund zehntausend Unternehmen in der EU, die Frage nach der Werbung stellt die EmpCo dagegen allen. Wer sie verneint, muss weder kommunizieren noch einen Plan vorlegen. Niemand wird zu einem Klimaziel gezwungen. Wer sie bejaht, kommt an einem sauberen Plan ohnehin nicht vorbei, und der liegt im eigenen Interesse. Die entscheidende Frage lautet dann: Welches Versprechen kann sich das Unternehmen leisten? Welche Maßnahmen finanziert es, welche Investitionen trägt es, welche Ambition folgt daraus? Ist das geklärt, wird die Prüfung zu dem, was die TÜV-Prüfung eines Aufzugs ist: eine Bestätigung, die Sicherheit gibt.
Ziel und Plan werden unterschiedlich gemessen
Dass diese Klärung heute trotzdem kompliziert wirkt, liegt an den Maßstäben. Ziel und Plan werden bislang unterschiedlich gemessen. Die Science Based Targets initiative validiert Ziele als Reduktionsraten gegenüber einem Basisjahr. Einen Transitionsplan verlangt ihr neuer Standard erst bis zu 15 Monate nach der Validierung, ohne einen Maßstab dafür, ob dieser Plan das Ziel trägt. Mit der EmpCo passt das nicht zusammen: Dort muss der Plan vorliegen, sobald mit dem Ziel geworben wird. Eine Planprüfung, etwa nach der neuen Normenreihe ISO 14019, ist Teil der Lösung. Wer genau hinsieht, erkennt ihre Grenze. Sie klärt, ob ein Plan vollständig, konsistent und belegt ist. Wohin er führt, klärt sie nicht. Ein 4°C-Plan und ein 1.5°C-Plan können dieselbe Prüfung bestehen. Zudem fehlt ausgerechnet der Teil der Reihe noch, der die Validierung zukunftsgerichteter Angaben regeln soll. Offen bleiben damit die Fragen, die am Ende zählen: Trägt der Plan das kommunizierte Ziel? Und wer steht dafür ein?
Ziel, Plan und Track Record in derselben Einheit
XDC misst Ziel, Plan und den tatsächlich gefahrenen Kurs, den Track Record, in derselben Einheit: in Grad Celsius. Grundlage ist die Entkopplung, also die Frage, wie schnell sich die Emissionen eines Unternehmens von seiner Wertschöpfung lösen. Wachstum wird damit nicht bestraft, Schrumpfen nicht belohnt. Gemessen wird gegen ein Emissionsbudget, und auf einer anderen Grundlage lässt sich ein realer Plan gar nicht sinnvoll beurteilen. Investitionen greifen zeitversetzt, Projekte verschieben sich, Wachstum verändert die Ausgangslage. Ein solcher Pfad verläuft in Stufen, und an einer festen Reduktionsrate gemessen erscheint er zwangsläufig als Abweichung. Erst das Budget zeigt, ob die Summe der Emissionen über die Zeit trägt, und allein darauf kommt es für die Erwärmung an. Liegt der Plan bei 2.4°C und das Ziel bei 1.5°C, wird die Lücke sichtbar, bevor sie zum Reputationsrisiko wird. Und die Zahl versteht jeder, bis hin zur Frage, ob man für ein 4°C-Unternehmen arbeiten möchte.
Plan B: ein belegbares Versprechen
Trägt der Plan das langfristige Ziel nicht, bleibt ein Plan B: das Versprechen auf den Zeitraum herunterbrechen, den der Plan belegt, etwa die Einhaltung des 1.5°C-Budgets bis 2037. Ein solches Versprechen ist zwar kürzer, weniger theatralisch und weniger inszeniert, dafür belegbar und vertrauenswürdig. Dahin wird die Entwicklung gehen.
Die größte Hürde liegt im Umdenken
Die größte Hürde liegt im Umdenken: Gefragt sind Entkopplung und Glaubwürdigkeit, belegt durch das, was ein Unternehmen tatsächlich umsetzt. Dieser Weg ist unangenehm, weil Entscheidungen auf den Prüfstand kommen, und das bei einem Thema, das wie kaum ein anderes aufgeladen ist. Ein Klimaziel ist selten nur eine Steuerungsgröße. Es ist ein öffentliches Bekenntnis gegenüber Mitarbeitenden, Kunden und Investoren, verbunden mit dem Selbstverständnis des Unternehmens und oft mit dem Namen derer, die es verkündet haben. Es berührt die Frage, welchen Beitrag man zu einer gemeinsamen Zukunft leistet. Ein solches Ziel zu korrigieren, fühlt sich deshalb an wie ein gebrochenes Versprechen. Nachvollziehbar, dass manche an dieser Stelle ringen und nach Wegen des geringeren Widerstands suchen. Einer davon ist das Argument, Ziele seien ein wichtiges Signal. Es verschafft Zeit, verwechselt aber die Wirkung mit ihrer Grundlage. Ein Signal ohne Plan ist ein Vorgriff auf eine Zukunft, die niemand belegt hat. Ein Versprechen zu korrigieren, das man Stand heute nicht einlösen kann, ist ein Akt der Verantwortung.
Die EmpCo räumt auf
Wir werden nicht darum herumkommen aufzuräumen: das Durcheinander aus Berichtspflicht und Wettbewerbsrecht, aus Versprechen und Realität, aus starren Zielraten und Budgets. In diesem Durcheinander liegt es nahe, das Thema aufzugeben. Die EmpCo räumt auf. Übrig bleibt, wer Klima für den Wettbewerb braucht, mit einem Plan, den er sich leisten kann, und einer Ambition, die jeder versteht. Das ist sauber, aufgeräumt und schön.
In der nächsten °Clarity-Folge am 13. November um 12:00 Uhr (30 Minuten, online) geht es um genau dieses Zusammenspiel von Ziel und Plan.