Von der Berichtspflicht zur Steuerungsgröße – Warum BAUM e.V. auf XDC setzt

Neuer Weg

Frau Zwick, BAUM hat mit dem XDC-Pilotprojekt einen neuen Weg eingeschlagen: Klimawirkung nicht nur messen, sondern in °C steuerbar machen. Was war für Sie der entscheidende Moment, zu sagen: Das bringen wir jetzt auf Verbandsebene?

Die schiere Neugier war der entscheidende Impuls. Die Frage, die mich umgetrieben hat, lautet: Wie ernst meinen wir es eigentlich mit dem Anspruch der Klimakompatibilität? Im BAUM-Kodex für nachhaltiges Wirtschaften fragen wir bewusst nach Commitment und regelmäßiger Berichterstattung. Aber wir wollten einen Schritt weitergehen und genauer verstehen, was das unter dem Aspekt von Steuerungsrelevanz und Wirkung bedeutet. Sind wir tatsächlich auf Kurs? Welchen Beitrag leisten wir mit unseren Mitgliedern gemeinsam zum Erreichen des Pariser Klimaschutzabkommens? Diese Fragen nicht nur normativ zu stellen, sondern empirisch zu beantworten, ist hoch relevant – und genau das macht den Ansatz so spannend.

„Ich würde die These vertreten, dass der Mittelstand oft kohärenter unterwegs ist, als es die öffentliche Wahrnehmung nahelegt."
FIRST-MOVER

Viele Unternehmen arbeiten heute noch isoliert an ihren Klimadaten. Sie haben XDC erstmals für ein ganzes Netzwerk verfügbar gemacht. Was verändert sich dadurch gerade für mittelständische Unternehmen?

Ich würde die These vertreten, dass der Mittelstand oft kohärenter unterwegs ist, als es die öffentliche Wahrnehmung nahelegt. Sie spucken ungern große Töne und zögern lange, bevor sie sich mit Nachhaltigkeitsbotschaften exponieren. Diese Unsicherheit möchten wir gerne beseitigen helfen. Während große Unternehmen stark in der Formulierung von Zielen und gut in der Kommunikation sind, sehen wir im Mittelstand viel Fokus auf tatsächliche Wirkung und zur Frage, was im operativen Geschäft wirklich trägt. Mit XDC wird die Verortung auf der Klimaskala in Zusammenschau mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen sichtbar und vergleichbar. Das verändert die Perspektive: weg von isolierten Datensätzen, hin zu einem gemeinsamen Verständnis von Fortschritt im Verhältnis zu einem politisch gesetzten Ziel. Es eröffnet die Chance, genau diese Kohärenz im Mittelstand systematisch herauszuarbeiten und sichtbar zu machen. Im besten Fall eröffnet das eine Dialogebene für neues, partnerschaftliches Verständnis.

„Es geht darum, nicht das Falsche effizient zu tun, sondern das Richtige richtig."
ENTSCHEIDUNGSRELEVANZ

Was ändert sich konkret in unternehmerischen Entscheidungen, wenn Klimawirkung plötzlich in °C sichtbar und vergleichbar wird?

Wenn Klimawirkung in Grad Celsius sichtbar und vergleichbar wird, wird vor allem die Lücke zwischen Zielsetzung und den tatsächlich ergriffenen Maßnahmen deutlich. Unternehmen können viel besser qualifizieren, welche Maßnahme welchen Beitrag leistet: Handelt es sich um einen großen Hebel oder eher um aufwändige Optimierung? Bewegen wir wirklich etwas oder betreiben wir eher Detailarbeit ohne strategische Wirkung? Gerade in Zeiten von Konsolidierungsdruck und knappen Ressourcen ist diese Differenzierung entscheidend. Es geht darum, nicht das Falsche effizient zu tun, sondern das Richtige richtig.

EINORDNUNG

Wo stößt klassische Klimaberichterstattung aus Ihrer Sicht heute an ihre Grenzen – und was macht XDC hier grundsätzlich anders?

Die aktuelle regulatorische Diskussion hat uns teilweise wieder an den Punkt gebracht, die Notwendigkeit von Datenerhebung grundsätzlich zu hinterfragen. Dabei wäre längst dran, Scope 3 selbstverständlich zu berichten und sich mit Scope 4, der Bilanzierung vermiedener, aber auch historischer Emissionen zu befassen (siehe BAUM-Definition Klimaneutralität). XDC setzt hier einen anderen Maßstab, indem es den direkten Bezug zum völkerrechtlich verbindlichen Pariser Klimaschutzabkommen herstellt. Wenn Unternehmen um klimabezogene Risiken wissen, haben sie auch die Verantwortung, diese aktiv zu managen. Das ist nicht nur eine normative Frage, der man sich freiwillig widmen kann, sondern wird auch rechtlich eingefordert. Zugleich befinden wir uns noch in einer Phase, in der freiwillige Verantwortungsübernahme noch ein strategischer Wettbewerbsvorteil sein kann. Dafür braucht es eine kritische Masse und eine positive Dynamik. Der Wandel im Erdsystem verlangsamt sich nicht, auch wenn wir zögern und uns die Haare raufen, wie wir das alles schaffen sollen. Perspektivisch geht es um regeneratives Wirtschaften – also um Systemwertschöpfung, die Ressourcenverbrauch von wirtschaftlicher Prosperität entkoppelt, Natur wiederherstellt und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

„Der Wandel im Erdsystem verlangsamt sich nicht, auch wenn wir zögern und uns die Haare raufen, wie wir das alles schaffen sollen."
STRATEGISCHER AUSBLICK

Welche Rolle wird XDC aus Ihrer Sicht künftig in unternehmerischen Entscheidungsprozessen spielen?

XDC ist ein Ansatz, die Steuerungsrelevanz in unternehmerischen Abwägungsprozessen zu stärken. In Aufsichts- und Gesellschaftergremien wird klarer sichtbar, welche Investitionen sich lohnen und welche Geschäftsmodelle möglicherweise nicht weiter tragfähig sind, weil die damit verbundenen Risiken langfristig zu hoch sind. Damit wird Klimawirkung zu einem integralen Bestandteil strategischer Entscheidungen und nicht länger zu einem nachgelagerten Berichtsthema.

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